27 August 2006

Jedem Mann sein Weib

Unser Sohn Merlin nutzte dieses Wochenende um seine neu erworbene Krachlederne aufs Land hinauszuführen. Um dabei nicht über die Maßen aufzufallen, wies er seine Mutter an, ebenfalls das Trachtengewand zu wählen. Auf dass beide die rustikale Couture mit einer guten ländlichen Prise durchlüften mögen.
Anlass des Familienausflugs in die ansonsten für uns einfache Bürger unerreichbare Edelzone an der traumhaften Millionärsküste des Starnberger Sees war die Vermählung von Merlins Onkel Julian, freischaffender Journalist, und seiner Verlobten Julia, Diplombetriebswirtin bei einem führenden Lifestyle Magazin. Beide unterhalten ein derart hochklassiges Netzwerk von Beziehungen, dass nicht nur Lokalitäten, Organisation und Ablauf unübertreffbar waren, sondern sich sogar die Witterung entgegen aller Voraussagen in ihrer traumhaftesten Ausprägung zu zeigen veranlasst sah.
Natürlich war ich als grosser Bruder sehr stolz auf meinen kleinen Julian. Hatte ich ihm und Bruder Stefan doch schon in frühester Jugend den richtigen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht nahe gebracht ("Mit mehreren sollst du dich stets umgeben, aber nur eine sollst du schliesslich wählen!"). Meine beiden Brüder mögen unterschiedliche Präferenzen und Zielgruppen haben, aber die Methoden, die Methoden stimmen.
Merlin selbst, von derlei zwischenmenschlicher Entwicklung bis hin zur harmonischen Einkehr in das Wirtshaus der Ehe sicht- und vor allem hörbar gerührt, schritt nach der Zeremonie kurzfristig zur Kontaktaufnahme mit Blumenprinzessin Emilie. Natürlich weiss er bereits von der Notwendigkeit, vor einer längerfristigen Bindung diverse Parameter genau zu prüfen. Gerade in den Haute-Volée Kreisen der anwesenden Hochzeitsgesellschaft möchte man optischen Eindrücken allein nicht mehr trauen.

24 August 2006

Der Verdacht

TACK! TACK! TACK! RRRRUUUMMMMPSSS! Es bohrt sich der stählerne Hammer in die wuchtigen Eingeweide der dunklen Wand aus Stein. Verdammter Staub, er raubt einem noch den letzten Rest von Atem. Spröder Fels fliegt um die mehr und mehr ertaubenden Ohren, nur der eigene salzige Schweiß wäscht von Zeit zu Zeit einen der Gesteinsbrocken aus den entzündet verkniffenen Augen.

Verdammter Bergbau, verdammtes Leben, jeder Tag 12 Stunden ohne Tageslicht. Dabei zähle ich die Minuten. Nur einmal rasten, nur einmal kurz die Glieder strecken, welch süßer Gedanke. Aber es geht nicht. In diesem dunklen Tunnel muss gegraben werden, weiter und immer weiter.

Wir bohren und sprengen, wir räumen und schichten. Es ist eine verdammte Last, vom Teufel selbst erschaffen. Doch ich muss sie tragen, ich muss beständig diesen Weg der Härte und Entbehrung beschreiten. Denn ich bin der Vater. Ich habe eine Familie zu ernähren.

All die Tage, Wochen und Monate seit der Geburt unseres Sohnes wähnte ich die treuesorgende Ehefrau derweil zuhause kochend, waschend, wischend, nähend und nicht zuletzt nährend, in frommer Genügsamkeit, dem züchtig konservativ im schlicht hellblauen Strampelgewand bekleideten Kinde ein Vorbild an Frömmigkeit.


Doch jetzt! Es durchfährt mich wie Blitz und Donner. Ich hege schlimmste Gedanken an einen schrecklichen Verdacht. Sind Gattin und Sohn vollkommen der ausschweifigen Maßlosigkeit verfallen, sich süßlich anbiedernden Seelenfängern auf den Leim gegangen? Besuchen sie schwarze Messen, treiben sie ausgelassene Spiele, sprechen sie gar unerlaubten Rauschmitteln zu?
Wie sonst sollte ich mir diese Lichtbilder erklären können, die ich gestern nacht auf dem photographischen Aufnahmegerät meiner Frau entdeckten musste?

13 August 2006

Er steht!

Er steht!" lies ich heute nachmittag einen gellenden Schrei durch das Haus. Minuten später schoss meine Gattin fast nackt durch die Wohnzimmertür. "Nein Schatz", wiegelte ich vorsichtig ab und presste meine Beine zusammen, "es geht nicht um ein neues Kind, es geht um das alte!"

Es geschah wie folgt: Während ich durch das Schreiben eine Briefes an eine kroatische Videotürsprechanlagenhändlerin abgelenkt war, liess sich unser Kind vom Nachbarn Gerald an einem grossgriffigen Trinkbecher durch das Wohnzimmer führen. Der Nachbar hatte irgendwann keine Lust mehr und liess den Becher los.

Merlin war sehr froh, hatte er das Trinkwerkzeug doch jetzt endlich wieder für sich allein. Nicht bemerkt hatte er allerdings im Eifer des Gefechts, dass jetzt zwar der Becher ganz da, aber die Hand die ihn führte ganz weg war. So stand er da völlig frei auf zwei Beinen und beschäftigte sich mit der Beute. Das ging so lange, dass ich in aller Ruhe die Kamera auspacken und einen Schnappschuss machen konnte.

Hätten wir Merlin nicht irgendwann ins Bett bringen müssen, er würde jetzt noch mit seinem Becher im Wohnzimmer stehen.

12 August 2006

Neulich an der Haustür

06 August 2006

Der Troll

Wenn es richtig Nacht wird im weiten Isartal
Und dunkle Wolken den Mond verfinstern
Wenn plözlich der Wind durch die Mauern pfeift
Und das Lied der Grillen völlig verstummt

Wenn der Nebel lautlos vom Fluss heraufzieht
Und nur noch weit in der Ferne ein Käutzchen schreit
Wenn alles Getier sich von den Feldern rettet
Und die Menschen schlaflos um Gnade fleh'n

Dann ist der Zeitpunkt gekommen
Wo bei uns daheim im Kinderzimmer
Ein kleiner Junge wild zu schnauben beginnt
Und sich in einen furchteinflößenden Troll verwandelt