23 März 2006

Zarte Bande


18 März 2006

Die grosse Terz

Wir sind momentan noch unsicher ob unser Sohn später mal als Anführer der Weltrangliste im Herrentennis, als Bestsellerautor oder als bejubelter Klaviervirtuose mit einzigartigen Interpretationen der grossen Klassiker Reichtum und Ruhm über unsere Familie bringen soll. Wir sind uns aber sehrwohl bewusst darüber, dass wir unserem Kind eine frühzeitige Förderung seiner Talente schuldig sind, ist dies doch unverzichtbar für die zielgerechte Entwicklung von Geist und Bewegungsapparat.
S
o nahmen wir heute nachmittag einen der seltenen Vorspieltermine bei dem in der Fachwelt geschätzten und bei Jungtalenten für ihren erbarmunglosen Drill gefürchteten Musikerzieherpaar Braun-Fichtinger in Attenkirchen-Thalham wahr.
M
erlin, seinerseits gewohnt abgebrüht, trat ohne grosse Vorreden direkt an den Flügel und interpretierte Mozart's Phantasie in C-Moll KV 475, die Chopin-Etüden Op. 10-1, 10-2, 25-6, sowie im Auslauf einige Höhepunkte aus dem dritten Klavierkonzert von Rachmaninov.
Das Ehepaar Braun-Fichtinger erbat sich Bedenkzeit und will uns dann in den nächsten Tagen Bescheid geben ob unser Sohn für ihren Unterricht in Frage kommt. Uns persönlich wäre es sehr recht wenn sich am Dienstag nachmittag und Freitag früh Unterrichtstermine konkretisieren liessen. Donnerstag nachmittag ist schlecht, da ist Tennis. Montag abend liesse sich für Merlin eventuell noch einrichten, aber nur wenn das Autorenseminar des Suhrkamp Verlages pünktlich endet, was in der Vergangenheit leider gelegentlich nicht der Fall war.

12 März 2006

Ernst des Lebens

Nach mehreren Monaten sorgenfreien Aufwachsens wurde es für Merlin Zeit, sich mit dem Ernst des Lebens auseinanderzusetzen. So nahm ich ihn heute morgen behutsam zur Seite und sprach:
"Sohn, du wirst Englischvokabeln lernen müssen, du wirst über Hausaufgaben brüten, du wirst dein Zimmer aufräumen, dein Fahrrad putzen. Du wirst beim Einkaufen und beim Ausräumen der Geschirrspülmaschine helfen müssen und deine Zähne putzen. Später wirst du Akten von A nach Z und von Z nach A umsortieren. All das ist schwer, es wird dir nicht gefallen, du wirst Unwillen verspüren und Zorn. Du wirst dich wehren aber es wird nichts nützen. Schliesslich wirst du diese Dinge tun und du wirst lernen damit klarzukommen.
Jedoch irgendwann, wesentlich früher als dir lieb ist, wird der Tag kommen den du nicht mehr vergessen wirst. Eine Frau wird versuchen in Dein Leben zu treten und es wird nicht deine Mutter sein. Sohn, ein Mann von weiser Gestalt begegnet diesem Moment nicht unvorbereitet.
Also werde ich dich heute nachmittag mit dem anderen Geschlecht konfrontieren. Es werden tolle Frauen sein, jünger als du, älter als du, schöne Frauen, extravagante Frauen. Sie werden dich locken mit ihrer Anmut und Weiblichkeit. Sie werden dich versuchen zu verführen mit süssen Küssen von weichen warmen Lippen und sie werden dir gut zureden. Sie werden dich anschauen mit grossen klaren Augen und ihr heisser Atem wird dir die Besinnung rauben.
Sohn, erkenne die Schlange der Verführung, schaue die Gefahr! Sieh schwinden deine Muse für Spielzeugautos, Baumhäuser und Indianerspiele, sieh dahinschwimmen deine Felle der Freiheit, Unbefangenheit und Ruhe. Sieh dich stattdessen gefühlsduselige Sätze bilden, sieh dich für seltsame Filme das Kino besuchen und auch noch dafür zahlen, sieh dich nach Worten für Briefe ringen die du zurecht bis dahin nicht geschrieben hast. Ahne wie du dich bis zur Selbstaufgabe nach kurzen Momente verzehren wirst, die du bis dahin weder gekannt noch im geringsten vermisst hast. Sohn, erkenne die Schlange. Und dass das klar ist, gell: Nochmal sag ich's dir fei nicht!"

09 März 2006

Feuilleton

Merlins Onkel Julian hat seine Verlobung bekanntgegeben. Eine Absichtserklärung endlich das zu legalisieren, was sich in einer Müncher Mietswohnung älterer Bauart und höheren Stockwerks seit Jahren zwischen ihm und seiner Mitbewohnerin Julia abspielt? Von der Zeit davor wollen wir gar nicht reden.
Eine schöne Neuigkeit für uns drei, die wir uns als junge Familie den bürgerlichen Werten Treue, Zucht und Sittlichkeit verschrieben und, abgesehen vom sonntäglichen Verzehr eines Schinkenbrotes, den fleischlichen Genüssen und Verführungen dieser sittenfernen Gesellschaft ganz entsagt haben.
Unserem Sohn, just mit der frohen Nachricht konfrontiert, wurde wohl schlagartig die ganze Tragweite zwischengeschlechtlicher Beziehungskonstellationen und ihrer Folgen bewusst. Vermutlich nach Konzepten für seine eigene Lebensplanung suchend nahm er spontan einen passenden Artikel aus dem wochenendlichen Feuilleton zur Hand (in den Mund).
Herzlichen Glückwunsch Julia und Julian!

02 März 2006

Sport

Beim Weitsprung zeigt unser Sohn mässige Leistungen. Wie schnell er die 100m läuft wissen wir nicht, denn er weigert sich trotz massiver Strafandrohung standhaft eine korrekte Startposition einzunehmen. Es ist zu vermuten, dass er, ähnlich seinem Vater, ganz grundsätzlich in der Leichtathletik nicht seine bevorzugte sportliche Bestimmung sieht. Eine Ausnahme mag da Kugelstossen bilden, die Kindsmutter spricht ihm hier gewisse Talente zu.
Im Bereich der Wettkampfgymnastik allerdings führt uns das Kind seit neuestem Übungen vor, die sich weit fernab unserer eigenen physischen Möglichkeiten bewegen. Natürlich sind wir beeindruckt. Auf der anderen Seite aber machen wir uns einige Sorgen, denn wir wissen nicht wer das Kind ausser uns trainiert und ihm dabei diese anstrengenden Figuren nahebringt.
Sollten Sie dahinterstecken, so seien Sie hiermit gewarnt: dieses Kind wird seinen Eltern gehorchen, es werden ihm Zähne wachsen und es wird die Füsse zum Laufen einsetzen.