24 Juli 2006

Das Kind redet!

Wir können es kaum fassen, Merlin spricht zu uns. Am Anfang dachten wir noch, es wäre eventuell Zufall. Aber nein, seit diesem Wochenende auf dem Campingplatz am Kochelsee sind wir sicher. In allen Tonlagen, allen Betonungsfacetten, laut und leise, und vor allem immer und immer wieder spricht er es aus, dieses eine Wort.
Jetzt gibt es ja mehrere Möglichkeiten, die vom Kind für ein erstes Wort in die engere Auswahl gezogen werden könnten. Manche sagen "Mama", andere "Papa". Auch sehr gerne genommen wird üblicherweise das Wort "Nein!", wohl deshalb, weil es gerne und oft vom ungezogenen Schratz über das Eigenohr aufgenommen wurde. Ein paar exotische Kindsexemplare begnügen sich mit einem schlichten "Bäh!", andere neigen zum "Da!".
Wir sind froh, dass unser Kind zu klug ist, sich mit einsilbig infantilem Gesabber aufzuhalten. Unser Kind hat das zu seiner Situation passende, unserer elterlichen Aufopferung und Fürsorge mehr als angemessene Wort erwählt. Unser Kind spricht das einzig richtige, unser Kind sagt jetzt "Danke!" Bitte Merlin, bitte! Wir sind zuversichtlich, dass du in ein bis zwei Jahrzehnten die Gelegenheit finden wirst, uns all das zurückzugeben.

19 Juli 2006

Haarpracht

14 Juli 2006

Lauschiges Gespräch in Onkels Küche

Einer von Merlins Onkeln väterlicherseits produziert in seiner Küche zwei mal wöchentlich ein überregional bekanntes und inzwischen längst legendäres Blogformat. Dabei werden den explizit auf Empfehlung eingeladenen Gästen (inzwischen schon über 100) stets die selben 30 Fragen gestellt. Mit Sondererlaubnis von Merlins Onkel möchten wir auch an dieser bescheidenen Stelle des weltweiten Netzes das Gespräch vollständig wiedergeben:


[Merlin, Sohn], willkommen in meiner Küche! Fühl dich wie zuhause. Was darf ich dir zu trinken anbieten?
Am liebsten Muttermilch aus einer schönen Brust. Für den unwahrscheinlichen Fall dass du gerade keine hier hast, nehme ich einen zuckerfreien Babyfruchtsaft. Gerne auch ein schönes frisches Weißbier.

Wie bist du zum bloggen gekommen?
Mir selbst geht diese Bloggerei ziemlich am Windelarsch vorbei. Aber mein Vater, der hat Angst, dass ich ihm eines Tages vorwerfen könnte, die anderen Kinder haben alles seit ihrer Geburt komplett dokumentiert und ich nicht. Dabei sammelt meine Mutter ja auch schon den ganzen Kram und schreibt bedeutende Aufzuchtserfolge in ihren Terminplaner. Mein Vater hat auch ein Video von mir gedreht, damals im Bauch über Ultraschall. Er sagt, er hat Angst vor meinen Vorwürfen so etwas nicht bereitstellen zu können. Dereinst, falls ich danach fragen würde, im Rahmen einer pränatalen Verhaltensanalyse. Mein Vater ist irgendwie schon ein ziemlich ängstlicher Typ.
Ich bin übrigens nicht auf der selben Plattform wie mein Vater. Er sagt, da wo man seine Notdurft verrichtet, da zieht man kein Kind auf. Keine Ahnung was er meint.

Wie sieht Dein Leben aus? Beschreibe uns mal einen ganz normalen Tag.
Mein Tag beginnt etwa um 5 Uhr morgens. Da nehme ich gerne einen kleinen Happen Milch zu mir. Danach glauben meine Eltern meistens, sie dürften noch mal weiterschlafen. Ab und zu gebe ich ihnen dann auch noch mal 10 bis 15 Minuten, aber dann möchte ich bitte unterhalten werden. Wenn das nicht ungefragt klappt, dann drohe ich mit schweren Abstürzen vom Rand des Elternbetts, da spuren sie.
Sobald ich meine Eltern aus dem Bett gebracht habe, lasse ich mich wickeln und anziehen, und checke kurz den Laufstall, bilanziere mein Spielzeug. Ich gebe meiner Mutter 3 bis 5 Minuten Freizeit um sich einen koffeinfreien Milchkaffee zu machen. Mein Vater geht dann immer in die Arbeit. Das ist etwas ganz schlimmes. Er sagt immer: „Der Papa muss jetzt in die Arbeit. Der aaaaaaaaarme Papa.“. Wenn ich größer bin werde ich ihm ein bisschen Mitleid vorspielen.
Wenn der Alte weg ist, lebt Mama richtig auf. Ich unternehme dann den ganzen Tag schöne Sachen, untersuche die Umgebung, hänge im Freibad ab, treffe meine Kumpels. Denen rennen allerdings auch permanent ihre Mütter nach. Warum man nie so richtig seine Ruhe haben kann, verstehe ich noch nicht so ganz.
Abends kommt mein Vater wieder, der wird dann erstmal so richtig bespielt und müde gemacht. Er soll sich anstrengen, sagt meine Mutter, im Gegensatz zu uns hat er den ganzen Tag in seinem Büro ausgeruht. Irgendwann meinen meine Eltern unabhängig voneinander, ich solle mich in mein Kinderbett legen und schlafen. An dieser Stelle haben meine Eltern und ich einen echten Meinungskonflikt. Da ich die lautere Stimme besitze, haben sie allerdings wenig zu melden. Es langweilt mich ein bisschen, wie chancenlos sie in diesen Auseinandersetzungen sind. Wenn ich noch nicht schlafen will, dann spiele ich mit meinen Eltern bis sie einschlafen. Obwohl das nicht lange dauert - sie halten nicht viel aus für ihr Alter - hau ich mich dann meist auch etwas aufs Ohr.

Was macht dein Leben lebenswert?
Zum Glück muss ich über solche Fragen noch gar nicht nachdenken.

Wo lebst du und womit verdienst du deinen Lebensunterhalt bzw. womit willst du ihn mal verdienen?
Es ist mir etwas unangenehm, ich wohne noch bei meinen Eltern. Zum Glück einigermaßen nett, südlich von München, direkt an der Isar. Meinen Lebensunterhalt muss ich nicht verdienen, es ist immer alles da was ich brauche und ich kriege es meist problemlos. Wenn ich etwas nicht kriege, dann muss ich mich allerdings manchmal ein bisschen anstrengen, das nervt. Meine Eltern.

Was treibst du in deiner Freizeit?
Freizeit hab ich so gut wie gar nicht. Ich muss quasi rund um die Uhr meine Eltern beschäftigen. Ich würde gerne mal etwas ausspannen, das ist aber momentan beim besten Willen nicht drin. Leider.

Was genau befindet sich gerade in deinem Kühlschrank??
Das wüsste ich auch gerne. Aber jedes Mal, genau in dem Moment, wo ich so weit bin diesen Kühlschrank auszuräumen und mal detailliert den Bestand zu bilanzieren, kommen entweder meine Mutter oder mein Vater und verhindern dies. Ich vermute, es befinden sich sehr geheime Sachen in diesem Kühlschrank.

Da wir in der Küche sitzen – welche kulinarischen Genüsse können dich beglücken?
Vieles, z.B. Putenfleisch mit Reis, Mais mit Kartoffelpüree und Bio-Pute, Gemüse-Spaghetti. Leider sind diese Gerichte merkwürdig zubereitet und es sieht alles einigermaßen ähnlich aus. Meine Eltern legen scheinbar keinen besonderen Wert auf die Präsentation der Gerichte. Dabei isst das Auge doch mit? Ach ja, wie konnte ich Williams-Christ-Birne vergessen. Ab und zu mal einen Baby-Keks oder ein Stück Breze. Da habe nicht nur ich, da hat auch meine nähere Umgebung was davon.

Wie sieht [Merlin, Sohn]s Leben in 15 Jahren aus?
Da bin ich schon fast 16 Jahre alt. Ich mache mir keinerlei Gedanken über die Zukunft, muss ich dir sagen. Mein Vater sehrwohl, der freut sich jetzt schon auf die Mädels die dann ich angeblich mal heimbringen werde.

Zurück in die Gegenwart. Was kannst du besonders gut?
Einspeicheln, und zwar alles und jeden. Und Wörter erfinden, ganz im Gegensatz zu meinen Eltern, die benutzen immer dasselbe Vokabular. Ansonsten denke ich, hab ich gewisse Fähigkeiten beim Umsortieren von Einrichtungsobjekten.

Welche drei Charaktereigenschaften magst du an dir? Und welche würdest du lieber verschweigen?
Ich bin offen für alles und vollkommen unvoreingenommen was das Ausprobieren von Menschen, Tieren und Gegenständen für beliebige Anwendungszwecke betrifft. Ich bin sehr unterhaltend für meine Mitmenschen und bin in der Lage sie zu sportlichen Höchstleistungen bei den Kurzstreckendisziplinen, sowie bei Greif- und Fangübungen zu motivieren. Weiterhin bin ich sehr fürsorglich und habe deswegen meine Eltern gerne unter meiner Beobachtung. Verschweigen sollte ich besser meine Hemmungslosigkeit im Bezug auf Ausscheidungen. Zumindest empfehlen mir meine Eltern darüber nicht zu sprechen.

Welches Buch liest du gerade?
Das Werk heißt „Mein erstes Kullerbuch“ von Sabine Cuno (Text) und Monika Neubacher-Fesser (Illustration). Aus dem Klappentext: „Sonne, Kuscheltiger und Mond haben eines gemeinsam: Eine bunte Kullernase, die sich dreht und rasselt.“

Was sollten alle über dich wissen?
Alles das, was mein Vater in meinem Blog über mich schreibt, ... ...schon mal nicht!

Wenn du in Deutschland etwas ändern könntest – was wäre das erste?
Ich würde schleunigst das Gesetz aufheben, das festschreibt dass die Bürger um 20:00 Uhr ins Bett gehen müssen. Das ist doch ein Gesetz, oder?

Welche Entscheidung in deinem Leben würdest du gerne rückgängig machen?
Naja. Aber woher sollte ich wissen, dass es derartige Folgen für diese teure Glasvitrine hat wenn ich ein bisschen an den Blättern der großen Palme herumziehe?

Warum bist du froh, ein Mann zu sein?
Ich kann im Stehen in die Windel pinkeln.

Was möchtest du unbedingt in deinem Leben noch machen?
Ich möchte im Alter von 16 Jahren bereits derart erfolgreich im Berufsleben stehen, dass ich meinen Eltern ein Leben in Saus und Braus und mit allem erdenklichen Luxus ermöglichen kann.

Ein schöner Abend endet für dich mit…?
... einer guten Brust Milch und meinen vor Erschöpfung vor mir eingeschlafenen Eltern.

Du darfst einen Monat an einem Ort deiner Wahl mit einer Bloggerin/einem Blogger deiner Wahl verbringen. Wohin fährst du und wen nimmst du mit?
Ich weiß, dass ich das darf. Wie abgemacht fahre ich mit dir lieber Onkel in lange Urlaube an schöne Orte. Meine Eltern müssen sich inzwischen leider im Gebirge quälen, ich kann mich nicht ständig um sie kümmern.

Welche drei Dinge packst du ins Reisegepäck, weil du nicht darauf verzichten kannst?
Klamotten und Spielzeug. Ah ja, und Windeln.

Lass uns ein wenig über dein Liebesleben plaudern. Hast du einen Freund/eine Freundin?
Angebote hätte ich natürlich viele aber ehrlich gesagt, ich bin bereits sehr verliebt, ja.

Wie hast Du ihn/sie kennen gelernt?
Im Krankenhaus, kurz nach meiner Geburt. Ich hab sie gesehen und es hat „ZOOOM“ gemacht. Sie war die erste Frau, die mich spontan auf einen Drink eingeladen hat. Und das, obwohl sie mich noch kaum kannte.

Im Alltag nennt er/sie dich:
Hosenscheißer. Oft. Dafür nenne ich sie „BABABABABA pffft *sprötzel*“

Was ist für dich Erotik?
Wer?

Wie verdrehst du Männern/Frauen den Kopf?
Es scheint automatisch zu passieren, immer und überall. Auch ohne dass ich was dafür tue. Ehrlich gesagt, es geht mir langsam ein bisschen auf den Sack.

Glaubst du an die wahre Liebe?
Aber bitte. Natürlich!

Wie steht es mit Sex, bist Du eher der Blümchentyp oder magst Du es wild und hemmungslos?
Ich mag es grundsätzlich bei allem wild und vor allem hemmungslos. Was war noch mal das erste?

Vorhang zu und zurück zur Blogwelt. Wirf mal einen Blick auf deine Tag-Liste: Was ist dein schönster Tag, was dein seltsamster – und warum (glaubst du) wurdest du damit getagged?

Ich führe noch keine Liste. Aber heute war zum Beispiel ein sehr schöner Tag. Wir waren spazieren und im Biergarten und haben toll gespielt. Während ich mich ein bisschen hingeschlafen habe im Kinderwagen hat mich mein Vater den Berg hoch geschoben. Meine Eltern fanden es wohl wieder mal anstrengend, sie schlafen schon.

Ist Bloggen für dich eine rein virtuelle Angelegenheit oder kannst du dir auch den Schritt in die Realität vorstellen, z.B. einen Blogger persönlich kennen zu lernen?
Außer meinem Vater und dir? Klar.
Hallo Bloggerinnen, ich bin der kleine liebe Merlin. Lust auf einen lauschigen Abend in meiner Küche? Nur zu! Wir können zusammen Backwaren einspeicheln, Regale ausräumen und Geschirr zerdeppern. Bei gegenseitiger Sympathie ist ein späteres gegenseitiges Zahnspangenverhaken nicht ausgeschlossen.

„[Merlin, Sohn]“ Wie bist Du zu Deinem Nick gekommen – und was bedeutet er?
Ich schon mal gar nicht. Das war wieder mein Vater in seiner Phantasiegeplagtheit. „Merlin“ war einfach, so heiß ich ja eh schon. Das „Sohn“ hat er vermutlich angefügt, um auch dem letzten klar zu machen, dass ich, trotz meiner deutlichen optischen Überlegenheit momentan noch weniger zu sagen habe. Die eckigen Klammern deute ich als Symbol für Laufstall und Gitterbett.

Verrätst du uns deinen richtigen Vornamen?
Merlin. Ohne eckige Klammern und ohne Sohn und Komma.

Zum Schluss darfst du eine Einladung aussprechen. Wer soll demnächst in meiner Küche mit mir plaudern?
Wenn du nichts dagegen hast, dann würde ich gerne noch mal kommen und in aller Ruhe mit all den interessanten Dingen in deiner Küche „plaudern“. Du müsstest auch nicht unbedingt dabei sein.

Besten Dank für das Gespräch!
Von meinem Vater soll ich fragen ob er jetzt endlich die versprochene Schokolade kriegt.

03 Juli 2006

Trauma Nr. 1

Es war einer dieser Momente, die man im Nachhinein verwünscht. Hätten wir doch das Fernsehgerät vollständig ausgeschaltet bevor wir zu Kühlschrank und Toilette gingen. Hätten wir doch das Kind sorgsam auf dem Arm mit uns getragen. Hätten wir doch auf Super-RTL umgeschaltet bevor wir uns entfernte.

Wer konnte denn aber auch ahnen, dass dieses Fußballspiel so schnell ein Ende finden würde, wer konnte sich vorstellen, dass die Nachspielzeit derart kurz ausfallen würde? Wir nicht.

Ja, wir haben unser bisher einziges Kind traumatisiert und wir sind uns dessen bewusst. Und ja, wir fühlen uns schuldig. Wenn Merlin uns dereinst in zwei Jahrzehnten hasst und uns nebst Vorwürfen Therapierechnungen vorlegt, dann werden wir nur still zu Boden sehen können und zum Sohn sprechen: „Ja, es tut uns leid. Wir fühlen uns immer noch sehr schlecht Dir gegenüber. Ja, es war falsch, Sohn, Dich im Alter von fast neun Monaten bereits mit Johannes B. Kerner zu konfrontieren. Aber was sollten wir machen? Wir waren alt, wir mussten aufs Klo.“