Wer gefragte Menschenkinder sein eigen nennt, der besitzt zumeist auch Eltern. Letztere wiederum, und hier fängt die Sache mit dem Glück an, besitzen einen Geschmack. Diesen zeigen sie in seiner mitunter deutlichsten Form anlässlich von Festivitäten, allen voran der heiligen Weihnacht. An Weihnachten wird geschenkt und aufgetischt, was man für sein bestes hält. Das größtmögliche Glück ist dabei wohl dem beschert, der sich in ein geschmackvolles Milieu sowohl hineingeboren als auch hineingeheiratet hat.
Da in den seltensten Fällen Geschwister untereinander ehelichen, respektive ihre Fortpflanzung einleiten, sieht sich die Jungfamilie mit Kind am Jahresende von null auf hundert mit der sensibelsten aller Fragen konfrontiert: „Wo, um Himmels Willen, gehen wir am Heiligen Abend hin?“.
Während sich der Jungvater großzügigerweise bereit erklärt, Frau und Kindsprominenz in sein Elternhaus mitzunehmen, beteuert die Jungmutter, dass dieses Jahr eindeutig ihre Eltern an der Reihe seien. Dies führt beim Jungvater zur augenblicklichen Verschärfung in der Argumentationsstrategie. Aus der großzügigen Einladung wird ab sofort eine moralische Verpflichtung, gestützt durch den deutlichen Hinweis auf ein über 40 jähriges, bisher nicht gebrochenes Ritual.
Wie meist im Leben gewinnt am Ende die Frau und so steht der Plan für eine Weihnachtstournee, die vom elterlichen Management organisiert und veranstaltet werden will. Der begehrte, umjubelte, vorzüglich verköstigte und reichlich beschenkte Jungstar findet sich nach Gastspielen in diversen Großelternhauslokationen zum Abschlusskonzert vor dem heimatlichen Weihnachtsbaumpublikum ein.
Ein wahrer, zumeist vom Schenkpublikum in Alter und Kleidergröße maßlos überschätzter, Nachwuchsvirtuose lässt es sich vor heimischer Kulisse dann auch nicht nehmen, die von den begeisterten Fans auf die Bühne geworfenen Gaben in Ruhe auszubreiten, zu bilanzieren und nach Herz und Nieren auf seine freie Bespielbarkeit zu testen. Seine Eltern indes profitieren von dem, was beim Catering hinter Bühne noch für sie abgefallen ist.
27 Dezember 2006
Stille Nacht
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[Oliver, Vater]
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27.12.06
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06 Dezember 2006
26 November 2006
19 November 2006
Immobilienonkel


Mit einiger Sorge beobachten wir derzeit die Anstrengungen von Merlins Onkel Stefan, das Kind frühzeitig für Immobilien zu interessieren. Denn wir sind uns dabei sehr wohl bewusst, dass einer der in Frage kommenden Hintergedanken des Verwandten auf reinem Selbstzweck beruhen könnte.
So hat er seinerzeit selbst im jugendlichen Tatendrang ein Eigenheim erworben, das sich durch die Entwicklung der Mitbewohnerstruktur eher als Aufzuchtsinsel für Menschen mit Migrationshintergrund denn als Idyll für den Feierabend eignet.
Es ist uns ein Anliegen, Merlins Onkel auf diesem Wege mitzuteilen, dass sich das Kind zwar zunehmend für Bau und Nutzung von Häusern interessiert, dass wir als Eltern aber mit aller Kraft und notfalls auch Taschengeldkürzung eine etwaige Investition in Augsburger Lärmimmobilien zu verhindern wissen werden.
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[Oliver, Vater]
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19.11.06
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12 November 2006
Gute Nacht!
In meiner Rolle als knallhart ökonomisch kalkulierender Familienvater ist es eines meiner vorrangigsten Anliegen, die Ausgaben für interne Betriebsmittel so niedrig wie nur irgend möglich zu halten.
Zum Glück bin ich mit einer Ehefrau gesegnet, die es versteht, meine diesbezüglich eher theoretischen Rationalisierungsstrategien durch optimierte Bestellungen beim entsprechenden Fachversandhandel in realpekuniäre Einsparungen umzusetzen.
Die aktuell akquirierte Komplettschlafbekleidung für unseren Sohn Merlin war zwar in der Anschaffung vergleichsweise nicht ganz billig, rechnet sich aber dadurch, dass das Kind sie bis in ein Alter von schätzungsweise 25 Lebensjahren tragen kann.
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[Oliver, Vater]
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12.11.06
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18 Oktober 2006
13 Oktober 2006
Hey Alter!
Der Mensch spricht ab einer gewissen Reife nicht mehr gerne über sein Lebensalter. Soviel ist bekannt. Unser Sohn Merlin verwehrt sich jedoch ausdrücklich gegen die weithin akzeptierte Einschränkung, dass diese Art der charmanten Diskretion ausschließlich dem weiblichen Geschlecht vorbehalten sei. Nein, auch er selbst wollte an seinem Geburtstag Anfang Oktober keine detaillierten Angaben zu seiner Bejahrtheit mehr geben.
So versagte er den interessierten, über Nachmittag und Abend verteilt in wahren Scharen eingetroffenen Jubiläumsgästen auch jede weitere Auskunft darüber, ob seine Mutter Julia, angesichts ihrer ungewöhnlich jugendlichen Frische, nicht eventuell doch seine Zwillingsschwester sei, zumal sie am selben Tag Geburtstag hat. Nein, der Sohn ließ schon im Vorfeld ausrichten, dass er sich zu diesem Thema generell nicht mehr äußere und reagierte dann auf entsprechende Anfragen auch äußerst wortkarg und wenig bis gar nicht interessiert.
Stattdessen beschloss er, die Anwesenheit des großen Fachpublikums geschickt für Marketingzwecke zu nutzen und führte den interessierten Geburtstagsgästen scheinbar spontan aber doch sichtbar routiniert seine ersten Schritte auf zwei Beinen vor. Wir, als zielstrebige Eltern mit klarem Erziehungsauftrag, gehen davon aus, dass das Kind während unserer kurzen Schlafphasen bereits geübt haben muss und sind deswegen nachhaltig verstimmt.
Die Kindsmutter versuchte mir die Beobachtung der neuerlichen Fortbewegungsdisziplin des Sohnes übrigens per Kurznachricht („ER LÄUFT!") schon am Nachmittag ins Bürohochhaus zu übermitteln. Das führte dazu, dass ich erst verspätet zur Geburtstagsfeier eintraf, weil ich zunächst diverses Installations- und Dichtungsmaterial im Klempnereifachbetrieb zu besorgen mich anschickte.
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[Oliver, Vater]
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13.10.06
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11 Oktober 2006
26 September 2006
Meerlin


Im starken Gegensatz zur übrigen nördlichen Adria ist die Wasserqualität an der kroatischen Küste weitestgehend hervorragend. Den diesbezüglichen Meldungen der krawotischen Tourismusbehörden ist aber trotz des massiven Vertrauensvorschusses, den die örtlichen Fachkräfte in den Augen unseres erweiterten Familienumfeldes zu genießen behaupten können, nicht ohne genauere Überprüfung zu trauen.

Der renommierte Meeresbiologe M. Erlin ließ es sich deshalb gerade im Jahr 2006 nicht nehmen, eine diesbezüglich intensive Erhebung eigenständig durchzuführen. Mit den Worten „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ passierte er im September zum ersten Mal, aber trotzdem bereits in routinierter Manier, die slowenisch-kroatischen Grenzkontrollen.
An der istrienakikisch-vrsarokischen Küste angelangt, schritt der Forscher umgehend zu einer Reihe von gewissenhaften Analyseserien zu Wasser und zu Land.
Seine Assistentin und sein Fahrer hatten indes freien Ausgang, mussten aber den als Workaholic bekannten Wissenschaftler schließlich doch vor Überarbeitung und Unterkühlung schützen. Dies gelang ihnen, indem sie ihn geschickt zu einer gepflegten Tasse Espresso in einer örtlichen Caféhauslokalität zu überredeten vermochten.
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[Oliver, Vater]
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26.9.06
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08 September 2006
Grand Slam
Die Herrenwettbewerbe der diesjährigen US Open gestalten sich aus deutscher Sicht erneut enttäuschend. Der Hamburger Thomas H. musste sich nach einem anstrengenden Spiel über 5 Sätze einem russischen Sportsfreund geschlagen geben. Wieder einmal gelang es dem Deutschen nicht, wie letztmalig Boris B. 1995, in das Halbfinale des jahresletzten Grand-Slam-Turniers einzuziehen.
Der deutsche Tennisbund beobachtet diese Entwicklung mit erheblichem Unmut und hat deshalb schon vor Wochen ein geheimes Trainingscamp in München-Aschheim eingerichtet. Hier wird unter stringentem Ausschluss der Öffentlichkeit bereits heute für die nächstjährige Profitournee trainiert.
Trotz eigentlich als vollständig sicher geltender Abschirmmaßnahmen gelang es einer unserer ambitioniertesten Frontreporterinnen, Katrin L., unter Vorwand in das Camp einzudringen und den als Geheimtipp gehandelten Merlin R. beim Aufschlagstraining abzulichten. Die sportwissenschaftlich revolutionären Arbeitsmethoden der Spezialkommission des Deutschen Tennisbundes stehen seit der Verbreitung dieser Aufnahme weltweit in der Diskussion.
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[Oliver, Vater]
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8.9.06
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27 August 2006
Jedem Mann sein Weib
Unser Sohn Merlin nutzte dieses Wochenende um seine neu erworbene Krachlederne aufs Land hinauszuführen. Um dabei nicht über die Maßen aufzufallen, wies er seine Mutter an, ebenfalls das Trachtengewand zu wählen. Auf dass beide die rustikale Couture mit einer guten ländlichen Prise durchlüften mögen.
Anlass des Familienausflugs in die ansonsten für uns einfache Bürger unerreichbare Edelzone an der traumhaften Millionärsküste des Starnberger Sees war die Vermählung von Merlins Onkel Julian, freischaffender Journalist, und seiner Verlobten Julia, Diplombetriebswirtin bei einem führenden Lifestyle Magazin. Beide unterhalten ein derart hochklassiges Netzwerk von Beziehungen, dass nicht nur Lokalitäten, Organisation und Ablauf unübertreffbar waren, sondern sich sogar die Witterung entgegen aller Voraussagen in ihrer traumhaftesten Ausprägung zu zeigen veranlasst sah.
Natürlich war ich als grosser Bruder sehr stolz auf meinen kleinen Julian. Hatte ich ihm und Bruder Stefan doch schon in frühester Jugend den richtigen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht nahe gebracht ("Mit mehreren sollst du dich stets umgeben, aber nur eine sollst du schliesslich wählen!"). Meine beiden Brüder mögen unterschiedliche Präferenzen und Zielgruppen haben, aber die Methoden, die Methoden stimmen.
Merlin selbst, von derlei zwischenmenschlicher Entwicklung bis hin zur harmonischen Einkehr in das Wirtshaus der Ehe sicht- und vor allem hörbar gerührt, schritt nach der Zeremonie kurzfristig zur Kontaktaufnahme mit Blumenprinzessin Emilie. Natürlich weiss er bereits von der Notwendigkeit, vor einer längerfristigen Bindung diverse Parameter genau zu prüfen. Gerade in den Haute-Volée Kreisen der anwesenden Hochzeitsgesellschaft möchte man optischen Eindrücken allein nicht mehr trauen.
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[Oliver, Vater]
am
27.8.06
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24 August 2006
Der Verdacht
TACK! TACK! TACK! RRRRUUUMMMMPSSS! Es bohrt sich der stählerne Hammer in die wuchtigen Eingeweide der dunklen Wand aus Stein. Verdammter Staub, er raubt einem noch den letzten Rest von Atem. Spröder Fels fliegt um die mehr und mehr ertaubenden Ohren, nur der eigene salzige Schweiß wäscht von Zeit zu Zeit einen der Gesteinsbrocken aus den entzündet verkniffenen Augen.
Verdammter Bergbau, verdammtes Leben, jeder Tag 12 Stunden ohne Tageslicht. Dabei zähle ich die Minuten. Nur einmal rasten, nur einmal kurz die Glieder strecken, welch süßer Gedanke. Aber es geht nicht. In diesem dunklen Tunnel muss gegraben werden, weiter und immer weiter.
Wir bohren und sprengen, wir räumen und schichten. Es ist eine verdammte Last, vom Teufel selbst erschaffen. Doch ich muss sie tragen, ich muss beständig diesen Weg der Härte und Entbehrung beschreiten. Denn ich bin der Vater. Ich habe eine Familie zu ernähren.
All die Tage, Wochen und Monate seit
der Geburt unseres Sohnes wähnte ich die treuesorgende Ehefrau derweil zuhause kochend, waschend, wischend, nähend und nicht zuletzt nährend, in frommer Genügsamkeit, dem züchtig konservativ im schlicht hellblauen Strampelgewand bekleideten Kinde ein Vorbild an Frömmigkeit.
Doch jetzt! Es durchfährt mich wie Blitz und Donner. Ich hege schlimmste Gedanken an einen schrecklichen Verdacht. Sind Gattin und Sohn vollkommen der ausschweifigen Maßlosigkeit verfallen, sich süßlich anbiedernden Seelenfängern auf den Leim gegangen? Besuchen sie schwarze Messen, treiben sie ausgelassene Spiele, sprechen sie gar unerlaubten Rauschmitteln zu?Wie sonst sollte ich mir diese Lichtbilder erklären können, die ich gestern nacht auf dem photographischen Aufnahmegerät meiner Frau entdeckten musste?
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[Oliver, Vater]
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24.8.06
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13 August 2006
Er steht!
Er steht!" lies ich heute nachmittag einen gellenden Schrei durch das Haus. Minuten später schoss meine Gattin fast nackt durch die Wohnzimmertür. "Nein Schatz", wiegelte ich vorsichtig ab und presste meine Beine zusammen, "es geht nicht um ein neues Kind, es geht um das alte!"
Es geschah wie folgt: Während ich durch das Schreiben eine Briefes an eine kroatische Videotürsprechanlagenhändlerin abgelenkt war, liess sich unser Kind vom Nachbarn Gerald an einem grossgriffigen Trinkbecher durch das Wohnzimmer führen. Der Nachbar hatte irgendwann keine Lust mehr und liess den Becher los.
Merlin war sehr froh, hatte er das Trinkwerkzeug doch jetzt endlich wieder für sich allein. Nicht bemerkt hatte er allerdings im Eifer des Gefechts, dass jetzt zwar der Becher ganz da, aber die Hand die ihn führte ganz weg war. So stand er da völlig frei auf zwei Beinen und beschäftigte sich mit der Beute. Das ging so lange, dass ich in aller Ruhe die Kamera auspacken und einen Schnappschuss machen konnte.
Hätten wir Merlin nicht irgendwann ins Bett bringen müssen, er würde jetzt noch mit seinem Becher im Wohnzimmer stehen.
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[Oliver, Vater]
am
13.8.06
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12 August 2006
06 August 2006
Der Troll
Und dunkle Wolken den Mond verfinstern
Wenn plözlich der Wind durch die Mauern pfeift
Und das Lied der Grillen völlig verstummt
Wenn der Nebel lautlos vom Fluss heraufziehtUnd nur noch weit in der Ferne ein Käutzchen schreit
Wenn alles Getier sich von den Feldern rettet
Und die Menschen schlaflos um Gnade fleh'n
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[Oliver, Vater]
am
6.8.06
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24 Juli 2006
Das Kind redet!
Wir können es kaum fassen, Merlin spricht zu uns. Am Anfang dachten wir noch, es wäre eventuell Zufall. Aber nein, seit diesem Wochenende auf dem Campingplatz am Kochelsee sind wir sicher. In allen Tonlagen, allen Betonungsfacetten, laut und leise, und vor allem immer und immer wieder spricht er es aus, dieses eine Wort.
Jetzt gibt es ja mehrere Möglichkeiten, die vom Kind für ein erstes Wort in die engere Auswahl gezogen werden könnten. Manche sagen "Mama", andere "Papa".
Auch sehr gerne genommen wird üblicherweise das Wort "Nein!", wohl deshalb, weil es gerne und oft vom ungezogenen Schratz über das Eigenohr aufgenommen wurde. Ein paar exotische Kindsexemplare begnügen sich mit einem schlichten "Bäh!", andere neigen zum "Da!".
Wir sind froh, dass unser Kind zu klug ist, sich mit einsilbig infantilem Gesabber aufzuhalten. Unser Kind hat das zu seiner Situation passende, unserer elterlichen Aufopferung und Fürsorge mehr als angemessene Wort erwählt. Unser Kind spricht das einzig richtige, unser Kind sagt jetzt "Danke!" Bitte Merlin, bitte! Wir sind zuversichtlich, dass du in ein bis zwei Jahrzehnten die Gelegenheit finden wirst, uns all das zurückzugeben.
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[Oliver, Vater]
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24.7.06
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