27 Dezember 2006

Stille Nacht

Wer gefragte Menschenkinder sein eigen nennt, der besitzt zumeist auch Eltern. Letztere wiederum, und hier fängt die Sache mit dem Glück an, besitzen einen Geschmack. Diesen zeigen sie in seiner mitunter deutlichsten Form anlässlich von Festivitäten, allen voran der heiligen Weihnacht. An Weihnachten wird geschenkt und aufgetischt, was man für sein bestes hält. Das größtmögliche Glück ist dabei wohl dem beschert, der sich in ein geschmackvolles Milieu sowohl hineingeboren als auch hineingeheiratet hat.
Da in den seltensten Fällen Geschwister untereinander ehelichen, respektive ihre Fortpflanzung einleiten, sieht sich die Jungfamilie mit Kind am Jahresende von null auf hundert mit der sensibelsten aller Fragen konfrontiert: „Wo, um Himmels Willen, gehen wir am Heiligen Abend hin?“.
Während sich der Jungvater großzügigerweise bereit erklärt, Frau und Kindsprominenz in sein Elternhaus mitzunehmen, beteuert die Jungmutter, dass dieses Jahr eindeutig ihre Eltern an der Reihe seien. Dies führt beim Jungvater zur augenblicklichen Verschärfung in der Argumentationsstrategie. Aus der großzügigen Einladung wird ab sofort eine moralische Verpflichtung, gestützt durch den deutlichen Hinweis auf ein über 40 jähriges, bisher nicht gebrochenes Ritual.
Wie meist im Leben gewinnt am Ende die Frau und so steht der Plan für eine Weihnachtstournee, die vom elterlichen Management organisiert und veranstaltet werden will. Der begehrte, umjubelte, vorzüglich verköstigte und reichlich beschenkte Jungstar findet sich nach Gastspielen in diversen Großelternhauslokationen zum Abschlusskonzert vor dem heimatlichen Weihnachtsbaumpublikum ein.
Ein wahrer, zumeist vom Schenkpublikum in Alter und Kleidergröße maßlos überschätzter, Nachwuchsvirtuose lässt es sich vor heimischer Kulisse dann auch nicht nehmen, die von den begeisterten Fans auf die Bühne geworfenen Gaben in Ruhe auszubreiten, zu bilanzieren und nach Herz und Nieren auf seine freie Bespielbarkeit zu testen. Seine Eltern indes profitieren von dem, was beim Catering hinter Bühne noch für sie abgefallen ist.

06 Dezember 2006

Bewusstseinserweiterung