Nach mehreren Monaten sorgenfreien Aufwachsens wurde es für Merlin Zeit, sich mit dem Ernst des Lebens auseinanderzusetzen. So nahm ich ihn heute morgen behutsam zur Seite und sprach:
"Sohn, du wirst Englischvokabeln lernen müssen, du wirst über Hausaufgaben brüten, du wirst dein Zimmer aufräumen, dein Fahrrad putzen. Du wirst beim Einkaufen und beim Ausräumen der Geschirrspülmaschine helfen müssen und deine Zähne putzen. Später wirst du Akten von A nach Z und von Z nach A umsortieren. All das ist schwer, es wird dir nicht gefallen, du wirst Unwillen verspüren und Zorn. Du wirst dich wehren aber es wird nichts nützen. Schliesslich wirst du diese Dinge tun und du wirst lernen damit klarzukommen.
Jedoch irgendwann, wesentlich früher als dir lieb ist, wird der Tag kommen den du nicht mehr vergessen wirst. Eine Frau wird versuchen in Dein Leben zu treten und es wird nicht deine Mutter sein. Sohn, ein Mann von weiser Gestalt begegnet diesem Moment nicht unvorbereitet.
Also werde ich dich heute nachmittag mit dem anderen Geschlecht konfrontieren. Es werden tolle Frauen sein, jünger als du, älter als du, schöne Frauen, extravagante Frauen. Sie werden dich locken mit ihrer Anmut und Weiblichkeit. Sie werden dich versuchen zu verführen mit süssen Küssen von weichen warmen Lippen und sie werden dir gut zureden. Sie werden dich anschauen mit grossen klaren Augen und ihr heisser Atem wird dir die Besinnung rauben.
Sohn, erkenne die Schlange der Verführung, schaue die Gefahr! Sieh schwinden deine Muse für Spielzeugautos, Baumhäuser und Indianerspiele, sieh dahinschwimmen deine Felle der Freiheit, Unbefangenheit und Ruhe.
Sieh dich stattdessen gefühlsduselige Sätze bilden, sieh dich für seltsame Filme das Kino besuchen und auch noch dafür zahlen, sieh dich nach Worten für Briefe ringen die du zurecht bis dahin nicht geschrieben hast. Ahne wie du dich bis zur Selbstaufgabe nach kurzen Momente verzehren wirst, die du bis dahin weder gekannt noch im geringsten vermisst hast. Sohn, erkenne die Schlange. Und dass das klar ist, gell: Nochmal sag ich's dir fei nicht!"
12 März 2006
Ernst des Lebens
Protokolliert von
[Oliver, Vater]
am
12.3.06

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